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Schnellstraße und Umfahrung Bütschwil
Wie zu erwarten war, ist das Referendum gegen die Umfahrung Bütschwil abgelehnt worden, zugegebenermaßen haben wir mit 20% Nein gegenüber den tatsächlichen 10% gerechnet.
Aus folgenden Gründen werden wir trotzdem weiterhin über dieses unsinnige Projekt informieren:
- Die Umfahrung ist noch nicht gebaut – und wird wahrscheinlich auch nicht mehr verwirklicht werden, weil die Entwicklung in die Gegenrichtung laufen wird.
- Es wird zunehmend klarer werden, dass das Klima die Autoherstellung und den massenhaften Gebrauch der Fahrzeuge nicht mehr verträgt.
- Die Menschen werden ihre Interessen vom Konsumieren abwenden (müssen) in Richtung mehr soziales Aufgehobenseins.
Wie schnell diese Entwicklungen ablaufen werden, hängt wesentlich von den nicht voraussagbaren Ereignissen ab, welche im Laufe der nächsten Monate und Jahre eintreffen werden.
Noch aber ist davon wenig zu bemerken und die notwendige Einstellungsänderung kommt nicht von heute auf morgen. Deshalb wollen wir die an vielen Orten stattfindenden Diskussionen, über die Fertigstellung von Schnellstraßen, nutzen, um mit den Menschen über die Erfordernisse der neuen Zeit zu reden und um zu verhindern, dass viel Schaden angerichtet wird in der Zeit bevor das Umdenken wirksam werden wird.
Hier erhalten sie einige gute Argumente, die gegen die Ortsumfahrungen sprechen.
- Einmal ein aktueller Leserbrief zu einem wirtschaftlichen Aspekt.
- Zum Zweiten unser Lösungs-Vorschlag "Variante Umwelt-Plus", der im Jahr 2004 der Gemeinde Bütschwil vorgelegt wurde.
Zum Leserbrief und alternativ Vorschlag -> anklicken
Argumente bezüglich Ortsumfahrungen
Leserbrief
Für die Abstimmung zur Ortsumfahrung Bütschwil, wurde von den Autobegeisterten eine Reihe Vorteile genannt, welche nie belegt wurden. Schlimmer noch - manche von ihnen wurden wiederholt widerlegt und werden trotzdem immer wieder angeführt.
Die Leute, welche die Umfahrungsstraße fordern, haben praktisch nur ein haltbares Argument und das heißt: „Umfahrungen werden gebaut, damit man schneller und bequemer durch das Tal brausen kann.“ Damit nehmen sie in Kauf, dass die Unfallzahlen deutlich ansteigen (oft auch im Dorf, weil schneller gefahren wird), dass nur wenige Straßenanwohner auf Kosten vieler anderer entlastet werden, dass die wirtschaftliche Lage im Toggenburg sich verschlechtert und dass sich die Klimaänderung beschleunigt.
Im Gegensatz zu den Umfahrungsbefürwortern setze ich nicht einfach Behauptungen in die Welt, sondern vergleiche das Toggenburg mit ähnlichen Tälern, wo nach vollmundigen Versprechen der Behörden, die große Ernüchterung folgte. Denn mit der Fertigstellung der Schnellstraße sinkt die Lebensqualität und steigt die Abwanderung aus den schwächeren Regionen unübersehbar an.
Eines meiner Argumente wird auch durch die neuste Untersuchung des Kantons über die wirtschaftliche Stärke der Regionen bestätigt. Nämlich, dass mit der Fertigstellung der Schnellstraße durch das Toggenburg keinen wirtschaftlichen Nutzen für das Toggenburg bringen wird. Die Studie zeigt erneut, dass das Toggenburg und das St.Galler-Oberland mit Abstand die schwächsten Regionen im Kanton sind. Bekanntlich ist der ebene Teil des Oberlandes verkehrsmäßig total erschlossen. Zudem gibt es dort zwei überregionale Zuglinien und zwei Autobahnen und trotzdem steht das Sarganserland wirtschaftlich nicht besser da als das Toggenburg. Ist das nicht eindrücklich ?
Damit wird nicht nur bestätigt, dass breitere Straßen nicht die gewünschten wirtschaftlichen Vorteile bringen, man muss im Gegenteil verhindern, dass nicht massive Nachteile entstehen. Beispielsweise hat das Obere Toggenburg gegenüber dem Sarganserland einen klaren Vorteil – es gilt als touristisch attraktiv. Und genau diesen Vorteil will man nun mit dem Durchgangsverkehr und dem unrentablen Tagestourismus kaputt machen.
Wenn wir wissen, dass es mit der Klimabelastung nicht mehr so weitergehen darf, dann ist der erste Schritt, der, dass wir das Straßenangebot nicht noch ausweiten, sondern möglichst viel Verkehr unnötig machen und die restlichen Transporte, wo immer es geht, auf die Schiene verlagern.
Remy Holenstein, Grabengasse
Alternativ-Vorschlag "Umwelt-Plus"
Vorbemerkung:
Im Jahr 2004 berief die Gemeinde Bütschwil eine Arbeitsgruppe von elf Fachleuten zum Thema Umfahrungsstraße ein. Uns Teilnehmern dieser Arbeitsgruppe wurde von Beginn weg mitgeteilt, dass die Arbeitsgruppe nicht über Ja oder Nein zur Umfahrung zu entscheiden habe, sondern lediglich darüber, welche der drei vorgelegten Varianten die akzeptabelste sei. Unzufrieden mit dieser Vorgabe, wollte ich zeigen, dass es auch Alternativen zum angeblich so unausweichlichen Bau einer Ortsumfahrung gibt.
Es ging mir ganz klar nicht darum, dass die Öffentlichen Hand einfach nichts tut und zuwartet, wie sich der Verkehr von selbst entwickelt würde. Deshalb nannte ich meine Variante Umwelt-Plus. Kurz zusammengefasst geht es darum zu zeigen, dass man das Geld, welches für die Umfahrung ausgegeben würde, sinnvoller einsetzen kann, mit deutlich größerer Entlastung für die Bevölkerung vom Toggenburg.
Dieser Vorschlag wurde von einigen Verkehrsexperten mit Interesse aufgenommen, von den Straßenbauern aber entschieden abgelehnt. Deren Begründungen erschöpften sich in den seit Jahren herumgeisternden nie bewiesenen Behauptungen bezüglich Wirtschaftlichkeit, Unfälle und Emissionen.
Da aber Lebensqualität nicht nur von der Wirtschaft, sondern auch vom Zustand der Luft, des Wassers, des Lärmpegels und vor allem der Zukunftsaussichten abhängt, stellte ich den Antrag, dass die Gemeinde Bütschwil prüfen lässt, ob die vier gleich folgenden Aussagen widerlegen lassen.
Könnte man sie nämlich widerlegen, dann müsste ich meine Warnung vor der Schnellstraße Toggenburg aufgeben.
Leider wurden das einmal mehr abgelehnt. Wahrscheinlich aus dem Gespür heraus, dass sie sich nicht widerlegen lassen.
- Normalerweise wird durch die Anbindung von einer starken mit einer schwachen Region, die starke stärker und die schwache schwächer. Das Toggenburg wird diesbezüglich keine Ausnahme darstellen.
- Schnellere Straßen fördern zwar die Bequemlichkeit steigern aber gleichzeitig den Alltags-Stress. Sie erhöhen kurzfristig die Einkommen und damit aber auch den umweltbelastenden Konsum. Sie verursachen zudem hohe Belastungen für die Menschen, Pflanzen und Tiere. Und langfristig ergeben sich daraus Schäden und sehr hohe Kosten, welche um ein Vielfaches höher ausfallen werden als die kurzfristigen Vorteile.
- Durch die Klimaveränderung (mit dem CO2-Ausstoß als wichtiger Einfluss) werden so gewaltige Schäden entstehen, dass die heutige Zivilisation zusammenbricht.
Wenn wir uns so verhalten, dass wir die Mitwelt schädigen und damit Leid verursachen, sowie die Voraussetzungen für unsere weitere Entwicklung vermindern, dann schaden wir uns mehr, als wenn wir auf solches Verhalten verzichten.
Zur Dimension des Problems
In allen westlichen Ländern stellt der Straßen- und Luft-Verkehr eines der größten Probleme dar, teurer als das Drogenelend, zerstörerischer als die Kriminalität und ebenso tödlich wie die Kriege. Das belegen eindeutige Zahl
- Aus der Sicht der Unfall-Vermeidung: Der Verkehr hat schon mehr Tote gefordert als die ganze Pestzeit. Mit der heutigen Straßen-Politik wird das Sterben noch zunehmen, denn mit schnellen Straßen nehmen auch die Verkehrsunfälle zu.
- Aus der Sicht des Umweltschutzes: Die Umwelt kann den bereits bestehenden Verkehr nicht bewältigen, deshalb muss dessen Attraktivität gesenkt werden, denn mit jeder Verbesserung für die Straßenbenützer nimmt der Autogebrauch zu.
- Aus der Sicht der Straßen-Anwohner: Der Lärm, die Abgase und die Zerschneidung der Siedlungen zerstören zunehmend die Gesundheit, die Sozial-Struktur und ganz allgemein die Lebensqualität.
Statt Straßen zu bauen muss deshalb gefragt werden: "Wie kann die Verkehrsmenge gesenkt werden ?"
Weniger Verkehr heißt nicht nur weniger Autos, es bedeutet auch tiefere Ozonwerte, gesündere Luft, weniger Unfalltote, mehr Platz für spielende Kinder und Velos, mehr und billigere öffentliche Verkehrsmittel, mehr Solarmobile, mehr Arbeitsplätze für die Schaffung nachhaltiger Mobilität weniger Lärm, weniger Landschaftsverbrauch und letztlich freie Fahrt auf unverstopften Verkehrswegen für alle !
Fünf Vorschläge zur Entlastung der Dörfer
(Anders als der unwirksamen Straßenausbau bringen sie echte Entlastungen):
1. Das Verursacher-Prinzip:
Die Erzeuger von Gesundheits- und Umwelt-Schäden sollen wenigsten für die verursachten Kosten aufkommen. Dadurch verteuert sich das Autofahren so massiv, dass die öffentlichen Verkehrsmittel um das Vielfache günstiger fahren als die Auto- und Lastwagen.
Das bewirkt eine starke Verlagerung von der Straße auf die Schiene. Damit werden die Straßen und auch die Einwohner entlastet.
2. Siedlungs-Anpassung (Bedarfs-Deckung am Wohnort):
Unsere Siedlungen sollen so gestaltet werden, dass sich möglichst alle Bedürfnisse (Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Bilden, Erholen usw.) am Wohnort befriedigen lassen. Damit verringert sich der "Zwang" zum Reisen, die Verkehrseinrichtungen werden entlastet, der tägliche Stress verringert sich und letztlich steigt die Lebensqualität ganz beträchtlich.
3. Verlagerungs-Maßnahmen vom privaten auf den öffentlichen Verkehr:
Vorerst besteht kaum der politische Wille das Verursacher-Prinzip umfassend anzuwenden und Siedlungs-Anpassungen zeigen erst nach Jahren spürbare Erfolge. Deshalb sind raschwirkende Entlastungs-Hilfen erwünscht (raschere als der jahrelange Straßenbau).
Mit intelligenten Mitfahrkonzepten und ,Autoteilet' (Car Sharing) bringen wir bereits einen Drittel des heutigen Autoverkehrs weg.
Das Bahnangebot muss unbedingt erhalten und nach Möglichkeit noch ausgebaut werden. Die Fahrpläne der Postautos in die Seitentäler benötigen eine wesentliche Verdichtung. Dort wo sich Buslinien nicht lohnen, sind Abruf-Beförderungen einzurichten.
4. Gleichstellung (oder Bevorzugung) der Fußgänger und Radfahrer:
Fahrrad-Wege fehlen weitgehend. Wie wäre es mit der Förderung von Leichtmobilen und Fahrrädern ?
Als Mindest-Ziel müssen alle wichtigen Örtlichkeiten gefahrlos zu Fuß und mit dem Velo erreichbar sein.
Allein die Maßnahmen 3 und 4 können unsere Lebensräume von der Hälfte des motorisierten Straßenverkehrs befreien. Aber wir können noch mehr tun.
5. Aussperrung der Autos aus den Siedlungen:
Anregungen zur Erstellung einer Indikatorenliste
Will man die Bevölkerung für eine Verhaltensänderung gewinnen, so muss man sie über die Notwendigkeit der oben erwähnten Maßnahmen wie auch ihren Nutzen informieren. Den Nutzen aber kann man nur einsichtig machen durch das Vorlegen von klaren Statistiken oder überzeugende Beschreibungen.
Das heute häufige Weglassen von schwer- oder nicht-quantifizierbaren Einflüssen ist keine Lösung, weil so das Ergebnis unbrauchbar wird.
Es ist mir klar, dass sich einige der erwähnten Maßnahmen und damit auch einige der folgenden Indikatoren-Vorschläge nicht ohne die Mitbeteiligung der Kantone und des Bundes realisieren lassen. Trotzdem werde ich sie hier wegen ihrer Wichtigkeit anführen.
Die folgende Liste mit Fragen enthält Problemfelder,welche durch Indikatoren erfasst und quantifiziert werden sollen.
Wie viele Leute werden durch die Umfahrungsstraßen entlastet und wie viele mehr belastet ?
Wie stark werden die kleinen und mittleren Betriebe im Toggenburg in Bedrängnis gebracht?
Wie viel Kaufkraft wird in die Zentren abwandern ?
Welche Schäden entstehen durch die zunehmenden Unstetigkeiten (z.B. Firmenverlagerungen), welche jedes zusätzliche Verkehrs-Angebot bewirkt ?
Wie wird sich die Straße auf die Bevölkerungsentwicklung auswirken ?
Wie stark steigen die Unfallzahlen (mit welchen Kosten ? und Zeitverlusten ist zu rechen ?)
Wie hoch sind die gesellschaftlichen Kosten/Verluste durch die Atemwegserkrankungen und die Lärmschäden ?
Welche Belastungen und Kosten entstehen durch die Einwirkung des Straßenverkehrs auf die Gewässer (Treibstoff-Ausstoß, Abriebe aller Art, Abfälle in der Herstellung und dem Betrieb, Teerbeläge usw.)
Wie viel zahlen die Privaten für die verkehrsbedingten Gebäudeschäden ?
Was kann die Raumplanung beitragen. Beispielsweise die Schaffung von Zonen in denen die Ansässigen oder Neuansiedler selber für die Infrastruktur aufkommen müssen. Wie viel Geld und Verkehrsaufkommen lässt sich damit sparen.
Welche Auswirkung kann erzielt werden, wenn das Geld statt für den Straßenausbau zur Förderung des öffentlichen Verkehrs verwendet wird ?
Wie wirkt sich die Förderung des öffentlichen Verkehrs aus ? (Halbstundentakt, Nachtverbindungen, auch für Busse, bezahlbares Rufbusangebot usw.)
Wie hoch ist der Zeitgewinn durch ein besseres Angebot des öffentlichen Verkehrs ?
Wie wirkt sich das Verursacherprinzip aus ? Welche Preiserhöhungen sind notwendig, damit sie eine deutliche Verlagerung auf die Schiene bewirken.
Wie wirkt sich zusätzliche Information der Bevölkerung über die Verkehrsverlagerung von der Straße auf die Schiene aus ?
Eingereicht im Juni 2004
(Der Inhalt ist heute leider noch immer so aktuell wie vor fünf Jahren)
